5. Die authentische Entwicklung


Der ganze Text wurde erstmals auf www.die-werteentwicklung.de publiziert

 

Von Füchsen und Igeln. Der griechische Philosoph Archilochos hat diesen Vergleich eingeführt und Isaiah Berlin hat ihn auf die Interpretation der Geschichte angewandt. Dabei geht es darum, dass der Fuchs mehrere Perspektiven integrieren kann, während der Igel sich auf eine Richtung fokussiert. Die Universität St. Gallen hat 2013 in einer qualitativen Befragung von Top-Führungskräften festgestellt, dass es zu viele Igel und zu wenige Füchse in den Chefetagen gibt. Dies ist auch nicht überraschend, wenn der Fokus der Wirtschaft auf Geld verdienen alleine ausgerichtet ist. Dann braucht es Igel an der Spitze, die den Fokus wahren. So ist es auch nicht überraschend, dass primär Männer an der Spitze sind. Weil aber diese Charakterzüge nicht an das Geschlecht gebunden sind, geht es nicht um die Genderfrage, sondern um Selbstreflexion. Dafür braucht es den Fuchs in uns, der unterschiedliche Perspektiven einnimmt, um die Vielfalt eines Problems anzuerkennen. Denn nur so können wir auch die Komplexität der eigenen Entwicklung verstehen. Unser Gehirn hat eigentlich drei Gehirne. Das eine denkt (Neocortex), das andere fühlt (limbisches System) und das letzte ist das Unterbewusstsein (Cerebullum). Dort werden Verhaltensmuster gespeichert, die über Wissen (denken) und Erfahrung (fühlen), also über eine erste Stimmung und Temperament zu einem Persönlichkeitsmerkmal heranwachsen. Veränderung ist deshalb so schwierig, weil es die Tiefen der menschlichen Existenz benötigt, um Wirkung zu erzielen. Deshalb sind Vorbilder so bedeutend. Der Mensch braucht Einsicht über ein Vorbild oder eine Krise, um in die Veränderung zu kommen. Während eine persönliche Krise hilfreich sein kann, können wir uns die Krise als Gesellschaft (z.B. Klima oder unbalancierte Digitalisierung) nicht leisten. Denn unser natürlicher Körper und Geist ist das um Meilen intelligentere System als das was wir bisher als Gesellschaft an Institutionen und Regeln hervorgebracht haben. Wie kriegen wir diese Entwicklung noch hin?

 

Das geritzte Z von Zorro als Analogie. Die Geschichte und Literatur hat schon immer interessante Meme hervorgebracht. Eine der bekanntesten ist diejenige von Zorro. «Zorro» heisst auf spanisch Fuchs und geht auf eine Geschichte zurück, die in den Grenzgebieten zwischen Kalifornien und Mexiko Anfang des 20. Jahrhunderts stattgefunden haben soll. Ein Mann der Elite hat inkognito seinesgleichen herausgefordert, um die Rechte der Bevölkerung zu wahren, indem er dazu beigetragen hat, dass Kalifornien in den amerikanischen Staatenbund eintrat. Sein Markenzeichen war das eingeritzte Z auf dem Oberkörper seiner Gegner. In einem Remake von Hollywood mit Anthony Hopkins, Antonio Banderas und Catherine Zeta-Jones wird sichtbar, wie Hopkins (der erste Zorro) seinen Nachfolger von seinem ursprünglichen Ziel der Rache zu einem ausbalancierten Leader für die damals gute Sache entwickelt. Auch wird sichtbar, wie der Mann nur dann in seiner Männlichkeit wächst, wenn er seine Integrität lebt und alle Rollen bewusst und unbewusst auslebt. Erst dann kommt er in die Position, dass er als Fuchs und eben nicht als Igel eine gesellschaftliche Veränderung bewirkt. Denn unbewusste Muster können verändert werden. Die Analogie des Z ist ein Muster der Veränderung. «Sei die Veränderung, die du in der Welt sehen willst», ist ein Zitat von Gandhi, dem gewaltfreien, indischen Freiheitskämpfer. Sowohl in der Geschichte von Zorro als auch in der von Gandhi ist diese Vorbildwirkung vorhanden. Echte Leader sind Füchse, die alle Perspektiven sehen, annehmen und vermitteln. Dabei aber auch klar und deutlich ihre Botschaft haben und sich glaubwürdig verhalten, weil sie sich in die dafür nötige Haltung entwickelt haben. Dieses Muster der echten Leader finden wir auch bei Mandela und zahlreichen anderen Change Maker*innen. Die positive Nachricht ist, dass wir uns alle dorthin entwickeln können; die einen einfacher, die anderen mit mehr Unterstützung. Letzteres weil wir mit mehr oder weniger, mit leichteren oder komplexeren Mustern im Unterbewussten den Alltag meistern dürfen. Deshalb geht es in der nächsten Entwicklung der Gesellschaft nicht mehr um links oder rechts, sondern um die Frage wie wir Geschäftsmodelle (weiter)entwickeln.

 

Den Fuchs in sich wecken und Veränderung angehen. Erst wenn wir bereit sind das Z auf den eigenen Oberkörper zu ritzen, wenn wir bereit sind, uns zu verändern, kommen wir diesen Mustern auf die Spur. Dafür müssen wir uns von drei Dingen verabschieden: Erstens von der Vorstellung, dass wir ein Gehirn haben. Zweitens von der Idee, dass Gefühle für Männer nichts sind und deshalb auch nicht in die Arbeit gehören und drittens bunkern Führungskräfte die Idee, dass Kommunikation einfach ist. Wir können erst wirklich verändern und uns in der Netzwerk-Gesellschaft bewegen, wenn wir offen reden, offen fühlen und offen agieren. Dafür brauchen wir drei Qualitäten. Wir sind aufgefordert, das Urteilen (geschlossenes Denken), den Zynismus (kein oder wenig Mitgefühl) und die Angst zu überwinden. Wie bereits 1936 Franklin D. Roosevelt - ein anderer großer Leader und damaliger US-Präsident - in einem vielsagenden Moment (er erhebt sich aus seinem Rollstuhl) gesagt haben soll: «Das Einzige wovor wir Angst haben müssen, ist die Angst». Damit sind wir bei unserer Biologie und Neurologie angelangt. Wenn wir die Funktionsweise des eigenen Körpers nicht verstehen, können wir uns nicht bewusst über das, was unbewusst an Entwicklung angelegt ist, entwickeln. Aber genau das brauchen wir. Das Z in den Oberkörper ritzen, benötigt eine starke und vor allem relevante Auseinandersetzung mit den persönlichen Werten und der Haltung. Erst dann ist ein*e Leader*in dafür bereit, das eigene Verhalten und den eigenen Ausdruck auf einen höheren Zweck auszurichten und damit das Ego und die unbewusst in uns angelegte Gier zu zähmen. Genau das habe ich gemacht. 2015 habe ich meine Maskerade entfernt und mein Engagement gelüftet, meinen Selbstliebe schrittweise gestärkt und mich konsequent nach Innen gestärkt.