Kapitel 2: Machen statt Wollen

In dieser Text-Serie werde ich relevante Hürden vom Wollen ins Machen betrachten. Im Dialog rund um die Lancierung der Zukunftbureau-Bewegung von Niki und Flo Wiese/r durfte ich schrittweise lernen, wie gross der Unterschied zwischen Wollen und Machen ist. Dazwischen liegt der Zynismus eines offenen oder geschlossenen Herzen. Es geht noch weiter. Ein geschlossenes Herz verschliesst mit der Zeit die intuitive, innere Stimme. Sie kann einem gar vom eigenen Weg abkommen lassen. Das sind diejenigen Momente, wenn ich eine Sprache verwende, die mich und liebste tief verletzt und entwürdigt. Aber auch ungesund lange arbeite, weil ich mein Perfektionsmuster oder Helfersyndrom genährt, statt betrachtet habe. In solchen Momenten zeigt sich, dass ich eher will, aber nicht mache. Denn wenn ich mache kommt zuerst mein inneres Gleichgewicht und dann das äussere. Auf dem Weg des wahren Machen baue ich meine Resilienz, mein Immunsystem auf.


Macht: Die dunkle braucht die helle Seite und umgekehrt

Im Teil 2 des Schönwetter- und Entwicklungskapitel meines Blogs nutzte ich bereits das Bild von Otto Scharmer, dass beide Seiten wunderbar zusammenbringt. Scharmer hat weltweit im Kontext der systemischen Betrachtung von Wirklichkeit und Organisationen resp. Gemeinschaft eine sehr starke Bewegung initiiert. Sein Förderer am MIT war Peter M. Senge, der die lernende Organisation über 30 Jahren erforscht hat, um die fünf Prinzipien auf dem Weg zur bedeutenden fünften Disziplin - das Systemische - hervorzubringen. Was hat das Bild von Star Wars mit der Realität zu tun? Können wir frei von Macht sein?

Bildquelle: Otto Scharmer, MIT Senior Lecturer, 2020
Bildquelle: Otto Scharmer, MIT Senior Lecturer, 2020

Sinn: Solange ein Mensch am Sinn herumdoktert, ist er*sie nicht bereit fürs Machen

Nach der grossen Finanz- und Wirtschaftskrise hatte die Sinnfrage wieder Hochkonjunktur. Auch mich hat es ab 2012/13 erwischt und ich habe mir Gedanken zum sinnhaften Wirtschaften gemacht und fast 200 Buchseiten dazu geschrieben, mit Verlagen gesprochen und kurz vor der Abgabe hat mich mein Schicksal eingeholt. In der ersten kleinen Krise habe ich meine Analyse zu Dilemattas und möglichen Wegen noch vertieft. In der zweiten, tieferen Krise wurde mir klar, dass das Schreiben und Reflektieren mich nur ablenkt. Im Tal der Tränen kam die Wende. Über die positive Seite stabilisierte ich mich, begann an meinen Werten zu arbeiten und tauchte dann in die negative Seite ab. Was habe ich daraus gelernt?

Bildquelle: Unsplash
Bildquelle: Unsplash

Führen: Mehr und nicht weniger Führung ist nötig. Selbstführung ist die Voraussetzung für Selbstorganisation.

Wir werden als Subjekt geboren und zu einem Objekt gemacht, habe ich erstmals mit 35 Jahren als Satz gehört. In diesem Moment hat die machende Kraft gezündet. Denn wer will schon bewusst ein Objekt sein. Macher*in kann und soll nicht jeder sein, aber diejenigen, die die Reife mitbringen, müssen es sein und zwar so, dass es im Interesse möglichst Vieler immaterielle und materielle Werte etabliert, weil sie weder auf Basis einer ungesunden Gesellschaft noch einem desolaten Planeten dies selbstbestimmt und resilient tun können. Seit die Neuroplastizität beschrieben wurde und damit klar war, dass wir Menschen uns jederzeit verändern können, hat das Wort Potenzial Hochkonjunktur. Dies ist richtig und wichtig. Es gilt die Schöpferkraft im Menschen zu aktivieren, um die grösste Aufgabe der Menschheit - den Klimawandel - zu reduzieren. Jede Generation und jeder Mensch hat sich zu Fragen, führe ich mich adäquat? Sind mir meine Muster bewusst? Sind sie in der Firma auf dem Tisch? Wie kann Führung zu etwas durchwegs Positivem werden? 

Haltung entscheidet: Bild aus einem Workshop mit Martin Permantier
Haltung entscheidet: Bild aus einem Workshop mit Martin Permantier

Pause: Vollgas für meine Sache machen, führt geradewegs in den Abgrund

Ich war keine 20 Jahre alt. Es war an einer Abendsitzung rund um die Gründung einer Kulturfabrik zusammen mit dem Jugendarbeiter. Ich sass oben am Tisch und am anderen Ende der besagte, sehr geschätzte Mensch. Ich weiss noch wie es gestern war. Ich schaute ihm in die Augen und fühlte wie ich durch ihn hindurch blickte. Viele Jahre später als ich beim Reflektieren auf dieses Ereignis stiess, wurde mir bewusst, dass nur die Pause eine wirkliche Stressreduktion bringt.

Foto von Thomas Ghelfi // Art of Hosting Werkstattseminar Reflexion zu dritt (Scribbler*in, Fragensteller*in und Erzähler*in)
Foto von Thomas Ghelfi // Art of Hosting Werkstattseminar Reflexion zu dritt (Scribbler*in, Fragensteller*in und Erzähler*in)

Verantwortung: Soll die Mündigkeit durch Reife ersetzt werden?

Ja. Und damit könnte dieser Blog schon zu Ende sein. Bei so grossen Wörter wie Mündigkeit und Reife, reicht aber eine einfache Antwort wie “Ja” oder “Nein” nicht aus. Der erste Begriff wird vielfach mit der Volljährigkeit umschrieben. Mündigkeit geht aber eigentlich viel weiter. Seit Immanuel Kant hat der Begriff in der Philosophie eine Verordnung. Bei Wikipedia wird dabei auf das innere und äussere Vermögen zur Selbstbestimmung und Eigenverantwortung verwiesen. Sprich in der Tradition der Aufklärung ist mündig, wer unabhängig ist. Der Begriff der Reife geht weiter und bezieht ...

Foto Thomas Ghelfi // Vier-Kreis-Praxis am Art of Hosting Werkstattseminar
Foto Thomas Ghelfi // Vier-Kreis-Praxis am Art of Hosting Werkstattseminar

Netzwerke bilden sich natürlich, wenn das Vitale und Lebendige im Fokus ist

Was ist mit vital in diesem Kontext gemeint? Wie kann das Lebendige gestärkt und im Fokus sein, wenn ein materielles Ziel zu erreichen ist? Und wie kommen diese beiden Dinge zusammen, um Netzwerke zu bilden, die mehr sind als purer Zeitvertreib? Dafür braucht es eine konsequent partizipative Vorgehensweise, die mit der Selbstwahrnehmung beginnt, mit der offenen Einladung einer Initiativgruppe oder -person sich fortsetzt, um sich als lebendiges Netzwerk zu entfalten, wenn ein gesellschaftlicher Zweck zu erreichen ist.

Foto Unsplash // Netzwerke spinnen sich im Raum von und zwischen Menschen
Foto Unsplash // Netzwerke spinnen sich im Raum von und zwischen Menschen

Entwicklung beginnt beim Mensch

Aktuell sehen und planen wir Entwicklung von den Strukturen her und nicht konsequent vom Menschen her. Aber das was auf diesem Planet an Schöpferkraft für Menschen zu sehen, geniessen und nutzen ist, wurde immer vom Menschen her gedacht, gemacht und damit manifestiert. Auch deshalb ist das Machen bedeutender als das Wollen. Bereits in den 1960er-Jahren hat der Psychologe Bronfenbrenner die Entwicklung beschrieben. Später ...

Foto Thomas Ghelfi // Chaordic Stepping Stones als Prozessdesign zwischen Chaos und Ordnung bringt Entwicklung ins System für Mensch und das Kollektiv
Foto Thomas Ghelfi // Chaordic Stepping Stones als Prozessdesign zwischen Chaos und Ordnung bringt Entwicklung ins System für Mensch und das Kollektiv