Bildquelle: Art of Hosting Werkstattseminar mit der Reflexionsübung "Appreciative Inquiry". Hier in der 3er-Version. Bild: Thomas Ghelfi
Bildquelle: Art of Hosting Werkstattseminar mit der Reflexionsübung "Appreciative Inquiry". Hier in der 3er-Version. Bild: Thomas Ghelfi

Pause: Vollgas für meine Sache machen, führt geradewegs in den Abgrund

 

Ich war keine 20 Jahre alt. Es war an einer Abendsitzung rund um die Gründung einer Kulturfabrik zusammen mit dem Jugendarbeiter. Ich sass oben am Tisch und am anderen Ende der besagte, sehr geschätzte Mensch. Ich weiss noch wie es gestern war. Ich schaute ihm in die Augen und fühlte wie ich durch ihn hindurch blickte. Viele Jahre später als ich beim Reflektieren auf dieses Ereignis stiess, wurde mir bewusst, dass nur die Pause eine wirkliche Stressreduktion bringt.

 

Die Belastungsgrenze kann laufend hoch geschraubt werden, speziell bei Menschen wie ihm oder auch mir, die gerne gesellschaftlich wirken. Das besagte Erlebnis fand zu einer Zeit statt als Depression, Burnout und vergleichbare Diagnosen noch ein Tabu-Thema waren. Ich erlebte dazumal, dass eine Sinnorientierung - er hat im Sozialbereich gearbeitet - einem auch nicht vor dieser mit Scham, Angst und Wut behafteten Burnout-Erfahrung bewahren. Ich weiss was es heisst, wenn ein Mensch ausgepowert ist: Ich schaute regelrecht durch ihn hindurch. Seine Augen waren leer. Nach eigenen Erfahrungen als Angestellter in meinen 20er und Anfang der 30er Jahren habe ich gelernt zu funktionieren. Nach Zielen zu leisten. Es war die Zeit der Meritokratie (Leistungsprinzip). Ein eigenbestimmtes, strukturiertes Machen basierend auf hochfrequentem Planen und Verwalten. Das dabei auch die Hirnwellen dieses Tun im Aussen ins Innen des eigenen Körpers kopieren war mir dazumal nicht bewusst. Es sind dies sog. Beta-Wellen, die unterschiedliche Frequenzen einnehmen können. Wie alles im Leben hat auch dieses Verhalten Grenzen. Dies haben auch Social Entrepreneurs lernen müssen. Der Fokus auf den gesellschaftlichen Zweck (sog. Purpose) befreit niemanden vor den biologischen Grenzen. 

 

“Alles Roger?” umgangssprachlich für “Alles in Ordnung?” ist eine Aussage, die vielsagende und nichtssagende Antworten gleichzeitig provoziert, weil sie dem Empfänger die Möglichkeit gibt mit einem Ja auszuweichen. Weil Roger auch eine Aussage fürs Empfangen beim Funken ist, könnte die Check-Frage “Alles Roger?” u.U. auch zu mehr Verständnis in Sachen Pausen führen. Betrachte ich die Stresswerte ist das Gegenteil der Fall. Die Bedeutung von Pausen sind jedoch im Sport bereits seit den 1970er-Jahren bekannt. So gesehen könnte “Alles Roger?” in Anlehnung an den Vornamen des berühmtesten Tennisspielers der Welt wirklich dazu verwendet werden, um Pausen zu fördern. Dies wird nur dann gelingen, wenn nicht ausgewichen wird, sondern offen und ehrlich jede*r seine Überlastung zugeben und darüber reden kann. Ich habe das sowohl in der Familie als auch im eigenen Körper erlebt, was es heisst, wenn das Stresshormon Cortisol zu hoch ist. Bei mir reagiert sofort die Verdauung. In diesen Momenten suche ich die Stille mit mehr Pausen, indem ich meditative Praktiken anwende. Solche Tage beginnen nicht früh, sondern etwas später und die Mittagspause wird genutzt. Strukturen im Tagesablauf und das konzentrierte Arbeiten entlang klarer vorab definierter Arbeitspakete, die definierten eigenbestimmten Zielen dienen, stehen im Fokus. Damit manifestiere ich gleichzeitig auch mein Potenzial, indem ich die Wichtigkeit formeller Strukturen für das eigenbestimmte Machen stärke ohne dabei dem eloquenten Planer als Kreativer nacheifern zu wollen. Das würde misslingen und neue Stresssituationen hervorrufen. Auch reflektiere ich meine emotionale Befindlichkeit und Schattenthemen. Dabei dient eine einfache Geschichte, die mich schon länger begleitet:

 

"Der Blumentopf und das Bier":

Wenn 24 Stunden im Tag nicht genug sind, erinnere dich an diese beiden Dinge. Ein Professor stand vor seiner Philosophie-Klasse und hatte einige Gegenstände vor sich. Als der Unterricht begann, nahm er wertlos einen sehr grossen Blumentopf und begann diesen mit Golfbällen zu füllen. Er fragte die Studenten , ob der Topf nun voll sei. Sie bejahten es. Dann nahm der Professor einen Behälter mit Kieselsteinen und schüttete diese in den Topf. Er bewegte den Topf sachte und die Kieselsteine rollten in die Leerräume zwischen den Golfbällen. Dann fragte er die Studenten wiederum, ob der Topf nun voll sei. Sie stimmten zu. 

Der Professor nahm als nächstes eine Dose mit Sand und schüttete diesen in den Topf. Natürlich füllte der Sand den kleinsten verbliebenen Freiraum. Er fragte wiederum, ob der Topf nun voll sei. die Studenten antworteten einstimmig mit "ja".  Der Professor holte zwei wohl ausgewählte Biere unter dem Tisch hervor und schüttete den ganzen Inhalt in den Topf und füllte somit den letzten Raum zwischen den Sandkörnern aus. Die Studenten lachten. 

"Nun" sagte der Professor, als das Lachen langsam nachliess, "ich möchte, dass Sie diesen Topf als die Repräsentation Ihres Lebens ansehen. Die Golfbälle sind die wichtigen Dinge in Ihrem Leben: Ihre Familie, Ihre Kinder, Ihre Gesundheit, Ihre Freunde, die bevorzugten, ja leidenschaftlichen Aspekte Ihres Lebens, welche, falls in Ihrem Leben alles verloren ginge und nur noch diese verbleiben würden, Ihr Leben trotzdem noch erfüllend wäre." "Die Kieselsteine symbolisieren die anderen Dinge im Leben wie Ihre Arbeit, Ihr Haus, Ihr Auto. Der Sand ist alles andere, die Kleinigkeiten. Falls Sie den Sand zuerst in den Topf geben", fuhr der Professor fort, "hat es weder Platz für die Kieselsteine noch für die Golfbälle. Dasselbe gilt für Ihr Leben. Wenn Sie all Ihre Zeit und Energie in Kleinigkeiten investieren, werden Sie nie Platz haben für die wichtigen Dinge. Achten Sie auf die Dinge, welche Ihre tiefe Zufriedenheit gefährden. Spielen Sie mit den Kindern. Nehmen Sie sich Zeit für ihre psychische und physische Gesundheit. Führen Sie Ihre Partner zum Essen aus. Es wird immer noch Zeit bleiben um das Haus zu reinigen oder Pflichten  zu erledigen. Achten Sie zuerst auf die Golfbälle, die Dinge, die wirklich wichtig sind. Setzen Sie ihre Prioritäten. Der Rest ist nur Sand". Einer der Studenten erhob die Hand und wollte wissen was denn das Bier repräsentieren soll. Der Professor schmunzelte. "Ich bin froh, dass Sie das fragen. Es ist dafür da, Ihnen zu zeigen, dass, egal wie schwierig Ihr Leben auch sein mag, es immer noch Platz hat für ein oder zwei Biere."