Bild: Die Selbstbestimmung und der innere Freiraum nimmt mit der Integration von Haltungen zu / Bildquelle: Haltung entscheidet von Martin Permantier/ShortCuts
Bild: Die Selbstbestimmung und der innere Freiraum nimmt mit der Integration von Haltungen zu / Bildquelle: Haltung entscheidet von Martin Permantier/ShortCuts

Die Verantwortung für die eigene Entwicklung zur inneren Reife ist eine grosse Aufgabe, eine Lebensaufgabe. Handle ich verantwortlich, wenn ich eine Nacht durcharbeite? Wie und weshalb spüre ich ob der Körper an die Grenzen kommt? Weshalb beschulen wir Kinder zur Mündigkeit und nicht zur Reife? Wie entsteht Reife? Sollten wir mit Mündigkeit brechen? Es wird um Haltungen als mächtigste Kraft gehen. Darum wie wir uns entwickeln und was wir dabei beeinflussen können und wie. Welche Rolle dabei Emotionen, Schatten und Vorbilder spielen.

 

Haltungen sind mehr als Meinungen

Erst als ich mich ab 2016 vertieft mit Haltungen zu beschäftigen begann und damit der ICH-Entwicklung verstand ich mit der Zeit und zig «Tauchgängen» in meine Muster später, weshalb es eben der grösste Fehler ist Haltungen und Meinungen als eines und das Gleiche zu betrachten. Wir stehen an einer Revolution in der Art, wie wir unser Verhalten beschreiben und steuern. Konventionell und konservativ betrachtet, braucht der Mensch einen Trigger von Aussen, um motiviert für eine Sache zu gehen. In einer solchen Welt habe ich einzig das Recht eine Meinung zu haben, aber bestimmt keine Haltung oder nur dann wenn ich mit Freunden unterwegs bin. In einer solchen Welt darf ich mich als Führungskraft aber auch nicht beklagen, wenn die (Selbst-)Verantwortung tief ist und ich immer wieder diese Trigger von Aussen setzen muss und dabei die eigene Energie auf der Strecke bleibt. Deshalb drehen wir diese Welt, indem ich bei mir selbst beginne und die volle Verantwortung für alles übernehme, auch meine Gefühle und die abgespeicherten Emotionen, weil dann drehen sich Muster und Haltungen.

 

Emotionen sind nicht Gefühle

Der Psychologe Viktor Frankl hat der Menschheit folgendes sehr weises Zitat überlassen: "Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit." Deshalb ist Macht nichts schlechtes, weil es den Weg zur Freiheit ebnet. Eine gesunde Macht bedingt aber, dass wir Verantwortung für unsere innere Welt übernehmen. Dabei hilft Christopher Avery, der den Verantwortlichkeitsprozess beschreibt, indem es um fünf Stationen geht: Nach dem wir einen Reiz leugnen, beschuldigen und rechtfertigen wir uns im Aussen bevor wir uns für unser Handeln schämen. Viele geben dann auf bevor sie sich verpflichten für ihre Freiheit einzustehen. Sprich im ersten Schritt fehlt die volle Aufmerksamkeit, dann die Absicht sich zu stellen, um am Ende die Verantwortung wirklich wahrzunehmen. Wenn ich die Welt so wahrnehme, kann ich auch verstehen, weshalb es einer Revolution gleichkommt die heutigen Kulturen in Organisationen, Familien und anderen Kollektiven zu transformieren. Es wird ohne die Entwicklung der involvierten Menschen nicht gehen, weil sie ihre Sicht auf ihre Welt entwickeln müssen bevor sie teil von etwas Neuem werden können. Diese Menschen bewegen sich aber erst durch eine persönliche Krise oder eine Einladung einer Führungskraft. Letztere muss mutig, gereift und sich den eigenen Schatten und Mustern gestellt oder das Bewusstsein entwickelt haben, dass sie kleinere und grössere Traumatas durchlebt, verarbeitet und integriert hat. 

 

Schatten sind unbewusste Muster

Denn es sind genau diese Schattenseiten, wie wir sie nennen, die darüber entscheiden, ob ich die Haltungen (s. Post hier …) gesund integriert habe oder eben nicht. Denn ich werde immer wieder unaufgefordert “Sorry” sagen oder unbewusst Angst bekommen, wenn eine Kontrollinstanz (Kontrolleur, klassische:r Chef:in, Polizei, etc.) unangekündigt seine Pflicht macht und damit mich nach Avery für etwas schämen, das nicht nötig ist. Ähnlich verhält es sich mit der Trauer für ungelebtes Leben. Damit ist nach Anselm Grün - dem Benediktiner und Autor - die Differenz zwischen dem was ich mir erdenke und dem was ich intuitiv fühle, gemeint. Und diese Differenz verunmöglicht den inneren Freiraum zu weiten und endet meistens in einem Jammern statt Machen. Solche und ähnliche Muster basieren auf den basalen Urgefühlen, wie Wut, Trauer, Angst und Scham. Ist ein Mensch nicht in die Arbeit mit Gefühlen und Emotionen initiiert - so wie es die Urvölker gemacht haben - oder durch einen Coach begleitet oder selbst durch eine seriöse Ausbildung zum Coach gegangen, fehlen die Fähigkeiten sich selber und andere transformational zu führen und zu Entwicklung einzuladen. Es ist zu wünschen, dass es nicht Krisen braucht, dass Führungskräfte auf diesen Weg gehen.

 

Vorbilder prägen

Um auf einen Entwicklungsweg zu gehen, braucht es Vorbilder. Die bestehenden führungsbildenden und -prägenden Organisationen - wie z.B. die Armee, Universitäten und hierarchisch geprägte Grosssysteme - wandeln sich. Sie haben jedoch prägende Figuren, die ihre Haltungsentwicklung angehen sollten, um ihren Organisationen und ihrer Entwicklung nicht im Wege zu stehen. Diese Entwicklung ist möglich und - so zeigen verschiedene Beispiele - erreichen sie mit Mitgefühl und damit Empathie noch bessere Resultate und legen dadurch das Fundament, um die Verantwortung und damit die Motivation breiter zu verteilen. In der Folge wird sich die Autonomie jeder Rolle in der Organisation stärken. So werden Probleme dort gelöst, wo sie entstehen - sofort und ohne Zeit- und Reibungsverluste. Das erhöht die Effizienz und die Spannungen werden reduziert. Flow und Performance in den Teams erhöhen sich. Was wollen wir mehr? Ich würde meinen, dass wir es nur noch machen müssen und dem Jammern nicht weiter Raum geben sollten.